Schriftsteller

"Fluchtpunkt Hamburg" - Neuerscheinung

Buchprojekt des Schriftstellerverbands

"Fluchtpunkt Hamburg" - Neuerscheinung

Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte
 
 „Fluchtpunkt Hamburg – Texte im Exil“ lautet der Titel einer Anthologie, die der Verband deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen VS in ver.di Hamburg zu Beginn des Jahres 2018 veröffentlicht. Auf knapp 400 Seiten versammelt das Werk die literarischen Stimmen von 22 Autorinnen und Autoren, die fast alle in der Hansestadt eine (vorläufige) Bleibe gefunden haben. Dissidenten und Bürgerkriegsflüchtlinge aus Kolumbien, Bangladesch, Afghanistan, Bosnien, Kosovo, Syrien, Iran und Saudi Arabien kommen zu Wort. Gefördert wurde das reich bebilderte Werk vom ver.di-Fachbereich Medien, Kunst und Industrie und der Kulturbehörde Hamburg.
„Ich bin glücklich und erleichtert, das Buch in der Hand zu haben“, sagt Reimer Boy Eilers, der Hamburger Vorsitzende des VS. „Über zwei Jahre intensiver Arbeit stecken in diesem Projekt.“

Ananya Azad (29) aus Bangladesch ist einer der Beiträger. Er begann als engagierter Blogger, der die politischen und sozialen Verhältnisse in seiner Heimat einer scharfen Kritik unterzog. Schon bald musste er um sein Leben fürchten. Viele seiner Mitstreiter wurden von islamistischen Fanatikern umgebracht, Todesursache vornehmlich Enthaupten mittels einer Machete. Die Täter blieben oftmals unbehelligt. In der Anthologie ist Ananya Azads Originalbeitrag in Deutsch und Bengali abgedruckt. Damit geben wir unserm Kollegen zwei Stimmen, eine hier in Mitteleuropa und eine zuhause in Bangladesch. „Recht schnell war uns klar, dass wir den Medienschaffenden unter den Flüchtlingen nicht nur eine Bühne bieten und ihnen damit einen Gefallen tun“, sagt der Hamburger VS-Vorsitzende. „Vielmehr werden wir reich beschenkt mit einem Strauß an aufregenden und zutiefst berührenden Einsichten in unsere chaotische, oftmals undurchschaubare Gegenwart. Die Spannweite reicht von der Trauer über die Braut, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinkt, bis zum geschliffenen politischen Essay.“ Die vier Herausgeberinnen und Herausgeber, allesamt Mitglieder des Hamburger VS Vorstands, haben Wert darauf gelegt, dass die Beiträge der Anthologie nicht nur Klagen und Anklagen sind, sondern lesbar daherkommen in Trauer und Witz, Elegie und Komik.


Gewerkschaftsarbeit im Literaturbetrieb – eine Entstehungsgeschichte

Dass aus der Idee „man müsste den geflüchteten Schriftstellerinnen und Bloggern eine Möglichkeit zur Veröffentlichung geben“ die nun vorliegende Anthologie wurde, findet seine Ursache im Glück und der Geduld aller Beteiligten. Im Herbst 2015 war die Idee im Vorstand bereits einige Monate alt und trotz aller Arbeit noch nicht aus den Geburtswehen heraus. Es fehlte der Kontakt zu den Autoren und Autorinnen. Flüchtlinge waren da, aber wo waren die Schriftsteller und Bloggerinnen unter ihnen? Wie sollte man sie ausfindig machen, wenn jene noch kein Deutsch sprachen? Die Idee kämpfte mit den Widrigkeiten von Flucht und Vertreibung. Die ersten Gehversuche entstanden aus der Mitgliederversammlung des VS Hamburg heraus. Der Plan einer Anthologie wurde diskutiert und für gut befunden. Der Zuspruch der versammelten VS Mitglieder beflügelte die Beteiligten, und mit der Erstellung von Flugblättern und Plakaten und ihre Übersetzung in fünf Sprachen durch versierte VS Kolleginnen und Kollegen und Kontakte bei den Hamburger Bücherhallen sowie die Verteilung in die Erstaufnahmeeinrichtungen von „f&w fördern & wohnen AöR“ begann das Baby zu laufen. Doch die Resonanz blieb schwächer als erhofft. Die tägliche Not war groß und das Misstrauen vor unbekannten Menschen größer. Manchem galt es als vordringlich, das Erlebte zu vergessen, statt es in eine dauerhafte Form zu bringen, und dann – wer waren wir, der VS Hamburg, denn für die Neuankömmlinge? Unbekannte, Namen auf einem Flyer, eine Adresse auf einem Plakat. Ohne die beständige freundliche Ermunterung durch dier Kollegen und Kolleginnen im Hamburger VS und bei Ver.di hätten die Herausgeber kaum die Geduld gehabt, den langen Weg zu Ende zu gehen. Immer wieder besprachen wir die Arbeit im Vorstand des VS Hamburg. Wir überlegten hin und her, und die Geduld lohnte sich. Als wir kurz davor waren, die Flinte in das berühmte Korn zu werfen, brachte eine EMail-Aktion frischen Wind und neue Energie in das Projekt. Und plötzlich meldeten sich geflüchtete Schriftsteller, Blogger und Autorinnen mit Beiträgen und das Warten hatte ein Ende. Es trudelten Texte auf Deutsch und in den unterschiedlichsten Muttersprachen ein. Manche bestanden aus einer Seite, andere aus zwanzig. Die Anthologie bekam den dritten Atem. Es waren wohl der passende Zeitpunkt oder die direkte Ansprache oder der richtige Weg gewesen. Ganz gleich, die Fluchtanthologie wuchs und wuchs. Und liegt nun in Ihrer Hand.


Das Buch ist in der Büchergilde im Gewerkschaftshaus Hamburg erhältlich. Eine öffentliche Buchpräsentation findet am 6. März in den Räumen der Büchergilde Hamburg ab 18 Uhr statt.

Fluchtpunkt Hamburg. Texte im Exil, eine Anthologie zu Flucht und Ankunft des VS Hamburg. Hrsg. von Reimer Boy Eilers, Emina Kamber, Esther Kaufmann und Sven j. Olsson, Verlag Das bosnische Wort, Wuppertal und Tuzla 2018, 380 Seiten, Hardcover, ISBN 978-9958-12-301-6, Euro 17,90.